s_innzeit - der Wissenschaftspodcast zur Sozialen Arbeit

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00:00:13: Jens (J): Hallo an alle an den Endgeräten. Willkommen zu einer neuen Folge s_innzeit, dem Wissenschaftspodcast vom Transfernetzwerk s_inn. Mein Name ist Jens Koller und ich sitze hier mit meiner Mitmoderatorin Marina über eine App verbunden. Hallo Marina!

00:00:16: Marina (M): Hallo Jens!

00:00:24: J: Unser heutiges Thema lautet: "Kinder- und Jugendschutz - neue Herausforderungen in der Corona-Pandemie?!" Liebe Marina, warum sprechen wir heute über dieses Thema? Warum macht diese Folge s_inn?

00:00:35: M: Ja, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist schon normalerweise eine Herausforderung für viele Eltern. Die Pandemie mit den Auswirkungen des Social Distancing oder auch Homeschooling, was jetzt auch wieder weitergeführt wird, wirkt hier wie ein Brennglas. Und vieles was sonst Familien unterstützt, die Schule, Tagesbetreuung, Schulbegleitung, ehrenamtliche Angebote, etc., ist entweder zum Erliegen gekommen oder aber sehr stark reduziert worden. Aufgrund der Priorisierung im Gesundheitswesen und zur Vermeidung von Infektionen in Wartezimmern sind auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Teil ambulante Angebote reduziert worden. Nun stellt sich hier berechtigterweise die Frage, welche neuen Herausforderungen sich hier im Kinder- und Jugendschutz zeigen.

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00:01:20: J: Wir haben uns da wie immer eine Expertin zu eingeladen und diesmal begrüßen wir bei uns hier in der Folge Professorin Heike Wiemert von der katholischen Hochschule, Abteilung Köln. Hallo Heike.

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00:01:32: Heike (H): Hallo.

00:01:33: J: Heike Wiemert ist Dekanin des Fachbereichs Sozialwesen an der katholischen Hochschule NRW in Köln und lehrt Theorien, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Kindheit, Jugend und Familie. Sie ist Mitglied im Institut für Forschung und Transfer in Kindheit und Familie, abgekürzt FOKI. Weitere Schwerpunkte ihrer Forschungstätigkeiten sind z.B. die Reproduktion von Differenz und Ungleichheit in sozialpädagogischen Institutionen und Bildungsorganisationen der frühen Kindheit und Jugend, die Integration bzw. Inklusion und Partizipation im Elementarbereich oder aber die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe. Liebe Heike, wir kommen direkt zu unserer ersten Frage: Das Thema Kinder- und Jugendschutz ist eines was, je nach Fall, sicher auch sehr nah gehen kann. Viele Themen sind schwierig anzusprechen bzw. werden unter den Tisch gekehrt. Was waren deine Beweggründe um genau in diesem Bereich zu forschen?

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00:02:23: H: Ja, bei mir war es tatsächlich so, dass ich ja schon einige Jahre auch ich nenne nur an der fachpraktischen Basis gearbeitet habe, also ich habe eine Leitung eines Fachdienstes übernommen in einer Kommune und da ging es um Kindertagesbetreuung und familiäre Bereitschaftsbetreuung und ich habe da als Leitung die Erfahrung gemacht zu der Zeit, dass ich mit einem Team von zehn Fachberater_innen also zehn Sozialpädagoginnen, Sozialarbeiterinnen zusammengearbeitet habe und erst nach einem Jahr mitbekommen habe, im Kontext einer Teambesprechung, dass es da offensichtlich Pflegepersonen, Tagespflegeperson gibt, wo man offenbar große Bauchschmerzen hat,ohne es mit mir als Leitung überhaupt mal angesprochen zu haben. Und ich habe dann wirklich intensiv Nachfragen stellen müssen, auch bei einigen Kolleg_innen, um dann am Ende mitzubekommen, weil ich einen Hausbesuch eingefordert habe bei einer betreffenden Person, um mir selber mal ein Bild davon zu machen, weil ich nicht mehr einordnen konnte, worüber die eigentlich gesprochen haben. Und ich musste dann feststellen, dass wir offenbar über Jahre in diesem Fachdienst Kinder an eine Messi-Tagesmutter vermittelt haben. Also diese Person hatte selber fünf eigene Kinder, die lebten in Wohnungen übereinander, der Vater bzw. der Mann war Tagesvater, sie war Tagesmutter und haben dann die Betreuung von fünf Kindern übernommen. Un d die Verhältnisse in denen dann sowohl die eigene Kinder als daneben auch die Tageskinder also den Tag verbracht haben, waren aus meiner Sicht absolut nicht vertretbar und aus meiner Sicht musste auch die Pflegeerlaubnis entzogen werden. Also, um vielleicht mal eine Idee davon zu haben: Es liefen Kleintiere durch die Wohnung, es waren Exkremente auf dem Boden, es war sehr verschmutzt, das Badezimmer war zum Teil aufgrund der hohen Wäscheberge, die da drin lagen, überhaupt nich mehr zu benutzen. Da waren Tapeten, die teilweise zerfetzt von den Wänden hingen, die Küche hat in keinster Weise mehr den hygienischen Standards, nicht für den Eigengebrauch und natürlich auch schon gar nicht für die Erfordernisse erbracht, wo man dann denkt: Das ist hier wirklich ein Ort, wo Kinder guten Gewissens betreut, gebildet und gefördert werden sollen. Also das hätte ich mir nicht träumen lassen, vielleichtwar ich da auch naiv, aber ich hatte nicht im entferntesten eine Idee davon, dass tatsächlich unser Fachdienst gar nicht aufgestellt ist, wo dann die Fachberaterin, wie ich auch eindeutig sagen können: Das ist kein Ort für Kinder. Unddas natürlich in einer Situation, wo man selber diesen Fachdienst leitet, aber eben nicht mitbekommt, dass das Wohl der Kinder für das wir garantiert haben, aufgrund von - ich kann es nicht mal sagen, was es war - Unkenntnis kann es nicht gewesen sein, weil es war ja ständig auch unterschwellig Thema in diesem Team. Also man muss den Eindruck gehabt haben, dass es nicht in Ordnung ist, aber es wurde nicht kommuniziert und vor allem wurde nichts dagegen unternommen und das hat mir wirklich schwer zu denken gegeben und ich habe da sehr deutlich den Eindruck gehabt, wenn man jetzt natürlich auch immer über Zuschreibung, also Verantwortungszuschreibung spricht, wer hat denn jetzt eigentlich was wie getan oder wer hätte denn jetzt wie handeln müssen, war das für mich sehr, sehr deutlich auf welchen unterschiedlichen Ebenen Kinderschutzfragen wirklichintensiv diskutiert werden müssen und nicht in Zeiten, wo wir einen konkreten Fall haben, sondern sowelche Fragen, wie Kinderschutzkonzepte, Verhalten im Kinderschutz, institutioneller Kinderschutz und so weiter müssen Themen sein, die in Teams, die Aufgaben fürs SGB VIII übernehmen, die müssen da regelmäßig angesprochen werden. Man muss sich darüber vergewissern: Sind die Fachkräfte mit denen man arbeitet, sind sie gut aufgestellt im Kinderschutz oder brauchen sie da eine Entwicklung, brauchen sie da Fortbildung und, und, und. Also das war für mich wirklich ein ganz einschneidendes Erlebnis und vielleicht noch hinterher geschoben: Es waren jetzt nicht, wie man sich vielleicht sofort denken könnte, Familien, die mit so einer Betreuung einverstanden sind, weil sie selber nicht anders wohnen oder leben, also Familien in prekären Lebenssituationen. Es waren Akademikereltern, die garantiert zu Hause nicht so gelebt haben, aber durchaus es für angemessen gehalten haben, ihre eigenen Kinder dort in Betreuung zu geben. Also es war auf unterschiedlichen Ebenen wirklich für mein ein Pfeil an dem ich deutlich gemerkt habe, das Thema Kinderschutz fordert uns unter den freien Trägern, weil wir waren ja ein Fachdienst, der an einen freien Träger angeschlossen war, im Delegationsauftrag fürs Jugendamt, auch noch mal ganz anders heraus. Man kann nicht sagen: Das Jugendamt hat die Verantwortung und wir machen da ja nur so ein bisschen mit. Also war natürlich vorher auch schon das Thema Kinderschutz, aber von dem Moment an ist mir das noch mal konkret deutlich geworden, wie schwer es einerseits istselber mitzubekommen, wie ist das Team eigentlich aufgestellt, selber auch schritte angehen zu können, weil man einfach auch als Leitung, die da Verantwortung trägt überhaupt nicht informiert ist. Also deshalb gucke ich mir jetzt auch bei solchen Kinderschutzfällen, die da auch durch die Medien gehen, das ist für mich schon noch immer die Frage: Wer war wie involviert? Welche Kommunikation ist da eigentlich wo gelaufen und so weiter. Also wie gesagt, das war für mich schon ein Fall, der auch heute noch immer für mich ganz besonders ist und woran ich dannn bei Fällen, die mir jetzt entgegen kommen, immer wieder auch zurückdenke.

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00:06:41: M: Du hast es jetzt auch dargestellt, du hast dich in deiner Arbeit in der Praxis, in deiner Forschung oder auch mit deiner Arbeit mit dem FOKI verstärkt mit Kinderschutzfachkräften als Akteur_innen des kommunalen Kinderschutz, sowie auch der Kindertagespflege generell auseinandergesetzt. Also kurz nochmal darzulegen: FOKI wurde 2019 in Köln gegründet, heißt soviel wie das "Institut für Forschung und Transfer in Kindheit und Familie" und versteht sich als ein standortübergreifender Zusammenschluss von Erziehungs- und Sozialwissenschaftler_innen, sowie Fachkolleg_innen angrenzender Disziplinen. Was sind hier wiederkehrende Themen bzw. was macht ihr genau dort und inwieweit kommt eure Arbeit dem Kinderschutz zugute?

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00:07:21: H: Genau, also wir sind ja ein Zusammenschluss. Michael Obermeier leitet das Institut, Patrick Iseling, in Paderborn auch Studiengangsleitung, Kindheitspädagoge ist der Stellvertreter. Dazu gehört auch die Julia Höke, die ist jetzt auchProfessorin in Paderborn und in Köln sind wir halt noch der Thorsten Köhler und ich. Genau, und du hast es gesagt: Wir sind also angetreten, einmal aus dem Selbstverständnis heraus, dass wir Lehre natürlichtotal wichtig finden, dass ist ein ganz großer Bereich den wir als Professor_innen auch übernehmen und auch verantwortungsvoll auch durchführen, aber wir alle gleichermaßen haben auch ein großes Interesse daran, auch im Forschungskontext und auch im Transferkontext noch mal mehr auch unsere Möglichkeiten als Wissenschaftler_innen auch nutzen zu können. Und klar, wir alle stehen gleichermaßen für das Angebot im Bereich der kindheitspädagogischen Studiengänge, aber das fließt natürlich auch in den BaSa und in den MaSa mit ein und deshalb ist da auch dieser Themenkanon zustande gekommen. Wir haben einfach alle unsere Schwerpunkte, die wir auch vertreten in Lehre und in Forschung, da zusammengebracht und merken halt auch, dass wir insbesondere natürlich bei solchen Themen wie Kinderschutz auch eine große Schnittstelle haben. Also im Moment ist es ja so, dass Michael Obermeier und ich dieses Lehrforschungsprojekt im MaSa durchführen, wo es um die Kinderschutzfachkräfte geht. Patrick Isel hat aber in Paderborn z.B. mit dem Erzbistum Paderborn eine Präventionsschulung auch auf den Weg gebracht, wo dafür gesorgt wird, dass wirklich alle, die halt in den Elementarbereich gehen, also Erzieher_innen, Kindheitspädagog_innen, dass die wirklich auch eine Präventionsschulung bekommen. Der Patrick macht das jetzt auch schon im Kontext des Studiums der Kindheitspädagog_innen. Und das ist noch so ein Thema, ob wir das in Köln auch so machen wollen. Also da überlegen wir halt auch noch, wie es auch bei uns in Köln vielleicht eingeführt werden könnte. Und ja, daran kann man sehen: Also Kinderschutz ist für uns aus unterschiedlichen Perspektiven natürlich in diesen Bereichen ganz zentrales Thema, weil wir Kindheitspädagog_innen ausbilden und natürlich da der Überzeugung sind, dass es total wichtig ist, das im Studium auch in jedem Fall zu einem wichtigen Thema zu machen. Michael und ich haben das jetzt auch im BAKIstudiengang so organisiert, dass wir in dem Modul "Forschendes Lernen",  wo eben drei Veranstaltungen, die Studierenden sich wirklich mit dem Thema forschendes Lernen auseinandersetzen , dass wir uns überlegt haben, dass das thematische Dach ist der Kinderschutz und unter diesem Themadach Kinderschutz sind die Studierenden aufgefordert, Projekte durchzuführen, sich also auch empirisch mit dem Thema Kinderschutz auseinanderzusetzen.

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00:09:34: K: Ja, zum Thema Kinderschutz oder zu dem Bereich Kinderschutz, du hast es ja gerade angesprochen, können ja viele Bereiche zählen und ihr habt da ja so einen multiperspektivischen Ansatz, den ihr da verfolgt. Ich würde jetzt gerne mal auf den Titel unserer Folge zurückkommen: Herausforderung in der Pandemie. Wir haben das ja vielerorts gehört, dass Familien gerade in der Pandemie besonders belastet sind, da vieles sich auf die eigenen vier Wände wieder zurück bezieht und dort ein großes Potential eben auch entsteht für Gewalt, häusliche Gewalt, psychisch wie physisch. Viele sind belastet, hinzu kommt eben der erschwerte Zugang oder der Kontakt eben zu Hilfesystemen, die schwer erreichbaren Gruppen sind vielleicht noch schwerer zu erreichen. Und wenn wir zunächst erst einmal auf das Hilfesystem schauen: Wie würdest du da die Situation in der Pandemie beschreiben? Also wie stark sind die Kontakte zu den Familien eingeschränkt und wie gehen die Institutionen selber mit dieser Situation um?

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00:10:28: H: Also, aus der Perspektive der Wissenschaft heraus gucke ich mir natürlich erstmal an: Wie ist die Studienlage? Also man kann aus dem Bauch heraus irgendwelche Eindrücke gewinnen und dann halt meinen: Das ist vielleicht die Realität. Aber ich denke, es ist seriöser sich anzuschauen: Was haben Studien bislang, die sich mit der Frage beschäftigt haben auch zutage gefördert? Wir haben das Kinder- und Jugendhilfebarometer, das vom DJI durchgeführt wurde, die haben also bei allen 576 Jugendämtern in der ganzen Bundesrepublik eine Erhebung durchgeführt, um eben danach zu fragen: Wie sieht's denn aus mit dem Kinderschutz? Habt ihr in der Pandemie die Möglichkeit gehabt eure Arbeit im Kinderschutz fortsetzen zu können oder ist es nicht gelungen? und da war überraschend, dass natürlich ein großer Anteil der Jugendämter gesagt hat: "Ja, ja das ist uns schon gelungen. Also da gab es eigentlich keine Einbußen, sondern wir haben unsere Arbeit fortsetzen können und auch bewusst fortgesetzt, weil wir um die Bedeutung des Kinderschutzes, des Kindeswohls eben auch geht." Natürlich stelle ich mir dann die Frage, wenn dann so gewisse Prozentsätze rauskommen, wenn dann so 3% der Jugendämter oder so haben gesagt: "Nee, wir konnten das aber nicht." So, dann ist das Ding: "Also das ist aber auch wirklich wenig. Dann haben also wirklich ich auch alle gut gearbeitet." Ja, aber was ist jetzt genau mit den 3%? Also wie viel Kinder sind jetzt eigentlich davon betroffen gewesen, dass diese Jugendämter eben keine Möglichkeit gesehen haben ihren Auftrag, nämlich das Wohl der Kinder zu sichern und zu schützen, nicht durchführen konnten. Das sind natürlich dann so Leerstellen, die kriegt man auch erstmal nicht beantwortet, aber ich denke es ist wichtig auch dahin zu gucken: Was sagen und jetzt eigentlich die Studien? Ein weiterer wichtiger Hinweis ist für mich auch - natürlich habe ich mich dafür interessiert -: Wie sind denn eigentlich die Gefährdungsmeldungen?Gab es da jetzt wirklich Veränderungen im Vergleich zu den Vorjahren? Weil, ich finde, das ist ein wichtiges Indiz dafür, dass wir vielleicht einschätzen könnten, dass durch das was du jetzt gerade gesagt hast oder geschildert hast, auch möglicherweise dadurch die häusliche Situation noch mal ein größeres Gefährdungspotential für die Kinder entstanden ist. Und das ist dann aber auch wieder interessant, dass da auch der Werkstattbericht des Arbeitskreises Jugendhilfestatistik auch zu der Einschätzung gekommen ist, dass die Gefährdungseinschätzungen eigentlich im Vergleich zu den Vorjahren keine Veränderung zeigen. Also es gibt eine große Konstanz gegenüber den Erfahrungswerten in der vergangenen Jahren, das heißt: Die haben sich also Monate vorgenommen in 2020 und die mit dem Vormonaten der Jahre davor halt verglichen und können nicht erkennen, dass wir mehr Gefährdungseinschätzungen hatten als die Jahre davor. Jetzt ist natürlich die Frage: Kommt das jetzt demnächst wie eine große Welle auf die Jugendämter zu? Oder müssen wir es so interpretieren, dass wir es jetzt mit einer noch größeren Dunkelziffer zu tun haben, weil einfach die Ämter nicht so aufgestellt waren, dass sie auch wirklich diese Meldungen entgegennehmen konnten und verarbeiten konnten. Oder gab es das nicht? Das muss man ja auch in den Raum stellen, gab es das jetzt tatsächlich nicht? Das glaube ich allerdings nicht, ich neige zu der Interpretation, dass wir vermutlich ein noch größeres Dunkelfeld haben und es werden die Folgejahre zeigen, wenn wir dann irgendwann mal soweit sind, dass diese Pandemie durch Impfung und so weiter vielleicht wieder in ein "normales" Leben zulässt, welche nachhaltigen Herausforderungen dann wirklich auch auf die Jugendhilfe an der Stelle noch mal zukommen. Aber eben wie gesagt, es ist erstaunlich: Das Zahlenmaterial sagt es uns erstmal nicht, dass da große Einbrüche oder Veränderungen stattgefunden haben.

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00:13:29: J: Wie würdest du die Rolle anderer Institutionen in diesem Zusammenspiel sehen? Also, wenn ich beispielsweise mal auf Schule schaue: Schule ist ja auch sicherlich ein Hinweisgeber, wenn es um Kinderschutz geht und könnte es vielleicht sein, dass wir bei diesem Thema, wenn wir bei dem Beispiel Schulen zu bleiben, dass diese auch viel mit sich selbst beschäftigt sind gerade und dann solche Anzeigen vielleicht gar nicht stattfinden und deswegen die Zahlen nicht erhöht werden?

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00:13:54: H: Naja, die Meldungen aus den Schulen sind ja nach wie vor auch gekommen und wir müssen ja sehen: Also Schulen sind mit sich beschäftigt, weil das Ministerium sie ja auch beschäftigt in einer ganz bezeichnenden Art und Weise, dass

00:14:03: man eigentlich am Montag nicht weiß, wie der Schulbetrieb weiterlaufen soll. Und wenn die Kinder nicht in die Schule kommen, ist es für Lehrer_innen natürlich auch nicht so einfach überhaupt zu sehen: Was ist mit den Kindern? Wie geht es den Kindern? Auch im Wechselunterricht: Dann sind vielleicht manche in der Schule und manche sind eben nicht dort. Also die Möglichkeiten tatsächlich auch auf die Kinder einzugehen oder einen Eindruck davon zu bekommen, was mit den Kindern ist, ist momentan ja nun wirklich auch eine große Herausforderung für Lehrer_innen an den Schuhen. Ich meine, insgesamt müssen wir sowieso sehen und das ist jetzt auch noch mal interessant im Rahmen unserer kleinen Studie, die wir hier vornehmen, die Frage: Wie gehen Schulen mit dem Auftrag des Kinderschutzes um? Das muss man sich auch noch mal sehr genau anschauen, Lehrer_innen haben an keiner Stelle ihres Studiums irgendwo das Fach Kinderschutz oder Kindeswohlgefährdung, darauf werden die überhaupt nicht vorbereitet. Mit der Schulerechtsänderung hier in NRW 2006 hat man ihnen aber auch den Auftrag gegeben, dass sie bei Gefahr des Kindeswohls natürlich auch genauso tätig werden müssten, wie eine Erzieherin in der Kita. Und auch die Kitaerzieherin hat das nicht unbedingt gelernt, aber bei ihr würde man immer eher schon davon ausgehen, dass die das schon irgendwie so auch versteht, dass das ihr Auftrag ist. Das sehen viele Lehrer_innen nicht als ihren Auftrag an, sich um Fragen des Kindeswohls zu kümmern und bei der Situation, wo wir noch nicht mal an jeder Schule Schulsozialarbeiter_innen haben, da ist das natürlich auch eine schwierige Situation. Also, ich denke, auch da werden wir sehen in den Folgejahren was da wirklich auch aufzuarbeiten ist und wahrscheinlich uns auch darüber Gedanken machen müssen, welche Konzepte auch an Schule noch mal zu überdenken sind. Welche Kooperation es da braucht, damit auch in solchen schwierigen Situationen das Kindeswohl auch gewahrt werden kann.

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00:15:33: M: Wenn ich noch mal was zum Thema Schule fragen könnte: Wie wäre denn deine Einschätzung zu der These, dass psychische oder physische Gewalt gerade auch in den sogenannten Mittelschichtsfamilien zugenommen hat, die durch diese Gleichzeitigkeit von Homeoffice und Homeschooling eine neue Form der Überbelastung erleben und vielleicht auch zusätzliche hohe Selbsterwartungen auch daran gekoppelt sind.

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00:15:55: H: Also davon würde ich ausgehen. Also, wenn wir jetzt das Belastungspotenzial - und immer mehr Eltern melden sich ja auch zu Wort, nutzen auch den medialen Zugang, um einfach Ihre Situation darzustellen, was ich auch sehr wichtig finde - hören wir ja immer wieder, wie sehr man an seine eigene Belastungsgrenze kommt. Also eigentlich mit voller Motivation den Job machen zu wollen, aber das vom Küchentisch aus, wenn da ein Kind unterm Tisch rumkrabbelt und zwei am Tisch sitzen, die noch die Hausaufgaben machen wollen und sollen. Das hält man vielleicht mal eine Woche ganz gut aus, aber wenn sich sowas, über, wie jetzt mittlerweile schon ein ganzes Jahr hin streckt, dann denke ich schon, werden auch Familien in so eine Gefahr geraten, die es sonst eigentlich auch sehr gut hinbekommen haben. Natürlich auch mit dem Support durch Institutionen, Kinderbetreuung, Schule, Ganztag und so weiter, aber all das, all diese Unterstützung fällt ja jetzt großteils auch weg und darauf ist ja auch eine Familienplanung nicht ausgerichtet gewesen. Die meisten haben sich darauf verlassen und sollten sich auch darauf verlassen können, dass da die Unterstützung eben auch da ist. Von daher würde ich schon auch vermuten, dass das jetzt auch für Familien Problem wird, von denen man bislang nicht gedacht hätte, dass es eins wird. Und auch da haben wir eine interessante Studienlage, die Kopsi-Studie, wo ich sage : Erschreckend, dass da auch festgestellt wird: Jedes dritte Kind leidet ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. So und wenn wir uns das mal überlegen, also wenn die Kinder unter psychischen Auffälligkeiten leiden, dann tun sie das auch zu Hause und wie hilflos Eltern da vor eine Herausforderung gestellt werden. Wobei wir auch gleichzeitig mitbekommen, dass insbesondere das Angebot für Kinder, die halt auch psychische Auffälligkeiten zeigen, überhaupt nicht so gegeben ist, um das jetzt noch entsprechend auffangen zu können. Da stellt sich die Herausforderung für Eltern bzw. für Mütter oder Väter, nicht nur an der Stelle, wo man Hausaufgaben gemeinsam machen muss, sondern man guckt auch noch hilflos dabei zu, wie es dem Kind schlecht geht und das sind dann schon noch mal Belastungen, die auch noch mal oben drauf kommen.

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00:17:35: J: Liegt das daran, dass sich der Blick vor allen Dingen eben auf die akute Kindeswohlgefährdung nach Paragraph 8a richtet? Und wenn ja, welche Form - du hast es ja gerade angesprochen - haben dann psychische Belastungen und Ängste? Kann man da noch andere Kategorien aufstellen, die jetzt mehr in den Hintergrund rücken und auch vielleicht zu einem Grad in den Hintergrund rücken, dass es eben noch mal belastender ist für die Kinder und Jugendlichen?

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00:17:53: H: Also Kinder haben keine Möglichkeit sich unter Peers zu treffen, sie können nicht in den Sportverein, sie können nicht reiten gehen, sie können nicht schwimmen gehen, sie können an sich gar nichts machen und sie werden schräg angeguckt, wenn sie irgendwo im Park rumlaufen, weil alle möglicherweise Sorge haben, das sind die Superspreader, die sofort jeden in Gefahr bringen, weil die ja alle Corona mit sich tragen. Also, ich denke mal, Kinder sind da einer ganz ganz großen Belastung ausgesetzt. Also, wenn ich höre, dass Kinder im Kindergartenalter Angst haben, dass die Mutter sie umarmt, weil sie nicht wollen, dass die Mutter sich bei dem Kind ansteckt, weil die Mutter ja dann sterben könnte, das muss man sich wirklich überlegen oder versuchen vorzustellen: Was geht in so einem jungen Kind dann auch vor, dass es solche Ängste dann auch hat und die sind ausgelöst dadurch, dass Kinder eben an vielen Stellen mittlerweile auch zu verstehen bekommen: "Ihr seid eine Gefahr für Oma und Opa, für Kinder, für Geschwister, die vielleicht chronisch erkrankt sind oder eine Behinderung haben, weil die ja noch mal ein höheres Risiko haben, wenn sie sich mit Corona anstecken, schwierige Verläufe zu haben." All das wird Kindern schonungslos entgegengebracht, auch jungen Kindern entgegengebracht und das macht was mit Kindern. Und ich denke mal, die Ergebnisse der Kopsi-Studie sind vermutlich auch vor diesem Hintergrund einzusortieren, was da halt auch wirklich für Belastungen jetzt bei Kindern ankommen.

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00:19:03: M: Zumal, was zusätzlich noch hinzukommt, darüber wird finde ich recht wenig in den Medien gesprochen, ist die Belastung für Jugendliche bzw. was es für die Jugendlichenentwicklung macht. Also all diese Erlebnisse, die man hat: Die erste Liebe, der erste Kuss, also das gehört ja alles da auch dazu, dass man erwachsen wird. Und all das fällt ja derzeit einfach weg, zumal die digitale Welt - ja sie hat ihre Vorteile - aber hier auch definitiv den Nachteil, dass man natürlich sich auch in seinem eigenen Kokon verschanzt und ich denke, das hat auch durchaus auch Auswirkungen. Was ich mich hierbei noch gefragt habe: Welche Unterschiede sich in der ersten Lockdownphase im Frühjahr gezeigt haben zu eben dem jetzigen Lockdown? Der jetztige ist ja so ein ewiger Lockdown, ein halber lockdown, man weiß nicht wie man ihn richtig beschreibt.

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00:19:43:  H: Man hat vielleicht im vergangenen Jahr gedacht: "Oje, jetzt haben wir aber so einen Lockdownd und wenn der vorbei ist, dann haben wir's aber auch geschafft." Und die Reaktion darauf, also man hat gemerkt: "Oh, wir sind infrastrukturell eigentlich gar nicht so gut aufgestellt, da fehlen uns ja Gerätschaften und wenn wir alle in das Homeoffice gehen, jetzt auch in der Jugendhilfe, da sind wir nicht gut aufgestellt" So und da wäre ja eigentlich die Erwartung gewesen, dass man daraus lernt und sagt: "Naja, wenn das jetzt mal wieder kommt oder wenn wir grundsätzlich mal überlegen, wie wir auch zukünftig unseren Dienst entwickeln könnten, unsere Arbeitsweisen entwickeln können und vor dem Hintergrund ist mein Eindruck, dass dassehr langsam geht. Also man hat offenbar nicht damit gerechnet, dass man ein paar Monate später an der gleichen Stelle wieder sitzt, also wieder ohneDiensthandy, ohne Dienstcomputer und ohne Dienstfahrzeug zu Hause in seiner Privatwohnung sitzt und von da aus Hilfeplangespräche oder sonst irgendwas führen muss oder Videokonferenzen mit Familien, die in prekären Situationen sind. Und das, würde ich denken und das ist jetzt noch mal schwerwiegender zu erleben,dass wir die Zeit nicht gut genutzt haben. Das ist mein Eindruck. Weder in Schule - aber auch da war Schule wieder von der Politik sehr abhängig, von dem hin und her, was da wie entschieden wird oder nicht entschieden wird - aber auch Entscheidungen in Kommunen, an Kommunenspitzen und da steht nicht der Jugendamtsleiter, die Jugendamtsleiterin, sondern da stehen die Bürgermeister, die Landräte. Das ist dann einfach auch eine Frage: Setzt man diese Situation so ein, dass man sagt: "Oberste Priorität hat jetzt hier wirklich der Kinderschutz und wir müssen präventiv und interventiv wirklich gucken, was brauchen wir an der Stelle für Ressourcen." oder sind das eigentlich Fragen "Wie kriegen wir die Wirtschaft an's Laufen?" Also das würde ich schon noch mal kritisch in Raum stellen: Hat man da wirklich die Prioritäten so gesetzt, dass man sagt: Wir tun jetzt hier alles für Schule, Freizeit und Kita, damit also wirklch die Kinder und Jugendlichen überhaupt auch Möglichkeiten haben sich entwickeln zu können, ein halbwegs angemessenes Kinder und Jugendleben auch leben zu können. Oder hat man da andere Fragestellungen prioritär verfolgt? Ich denke mal, da muss man sich dann schon in den jeweiligen Kommunenspitzen auch noch mal selber kritisch  mit auseinandersetzen. Hat man alles getan, was man hätte tun können? Warum haben wir nicht mehr Sozialarbeiter_innen in den Schulen, selbst wenn die nicht geöffnet sind, aber warum gibt's da kein Beratungsangebot für die Kinder, denen es nicht gut geht?Die einfach mal jemand en brauchen mit dem sie darüber sprechen können, wie es zu Hause gerade ist, dass da schlechtes Klima zu Hause ist oder dass sie einfach, genau wie du gerade angesprochen hast, die erste Liebe und jetzt darf man sich nicht treffen und so weiter. Was macht man denn da eigentlich? Also, ich glaube, man hätte da tatsächlich einfach auch pragmatischere Lösungen finden können, wodurch dann auch an vielen Stellen für Kinder und Jugendliche schon noch eher mal eine Entlastung auch geschaffen worden wäre. 

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00:22:07: J: Ein bisschen raus gehört, wenn es jetzt nach der Frage geht: "Wurde ausreichend Kinderschutz umgesetzt?" und "Wollen wir die Wirtschaft nicht einbrechen lassen?", dass du eher sagst man hat sich vorallendingen die zweite Frage so ein bisschen mehr gewidmet. Oder vielleicht hätte man mehr für den Kinderschutz tun sollen? Glaubst du, dass das auch vielleicht daran liegt, dass dem ganzen Thema medial nicht so viel Aufmerksamkeit gegeben wurde? Also es wird zwar immer mal wieder aufgegriffen, aber ist das genug für diesen Bereich?

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00:22:33: H: Wir haben uns in einer Situation befunden, wo wir gerade Lüdge schwer in der Aufarbeitung hatten, dann sind Bergisch Gladbach und Münster gewesen, das ist alles in der Zeit passiert, also dieses Fälle sind medial aufgearbeitet worden, aber nicht mit dem Effekt, dass wir auch noch stärker also über Prävention an der Stelle nachgedacht haben, weil das hätte uns ja jetzt wirklich  herausfordern müssen und sagen: "Ok, das sind jetzt wirklich Fälle, wo man wirklich jetzt aufarbeiten muss, aber was können wir präventiv tun in den Kommunen? Was können wir den Kindern, den Familien anbieten an der Stelle?" Man hat sich den Kopf zerbrochen, wie man denn jetzt Fußballspiele stattfinden lassen könnte. Also wenn man sich mit der gleichen Intensität und dem gleichen Engagement dieser Frage gewidmet hätte: Was können wir denn machen, die ganzen OTS, also die ganze offene Kinder- und Jugendarbeit, alles ist geschlossen. Wirklich ich dann auch mit der Frage: Was könnten wir denn trotzdem unter diesen Bedingungen möglich machen? Welche Angebote unter freiem Himmel, klar Winter ist auch noch mal kalt, muss man natürlich noch mal anders überlegen. Also, ich will ja nicht sagen, dass es überhaupt nicht gelaufen ist. Es gibt auch an vielen Stellen, in vielen Kommunenhat man sich auch so viele Gedanken gemacht und hat auch Ideen entwickelt. Aber wenn jetzt die Frage danach ist, wie es jetzt in den Medien also auch wirklich behandelt wurde, ist mein Eindruck: Nein, es ist eigentlich in die Medien gekommen, weil wir zum Teil wirklich nicht mehr nachvollziehbare schulpolitische Entscheidung tagtäglich in der Berichterstattung haben und auch eine Berichterstattung über Erzieherin haben, die auch irgendwie in so ein Licht gestellt wurden, dass die jetzt auf einmal hysterisch werden und Kinder nicht mehr betreuen wollen. Wobei das mein Eindruck überhaupt gar nicht ist, die sind sehr verantwortungsvoll, wollen auch mit den Kindern arbeiten, aber da findet auf anderer Ebene noch mal eine Verunsicherung statt. Wie jetzt dann KiTa-Betrieb überhaupt unter diesen Bedingungen laufen kann.

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00:24:03: M: Wenn wir noch mal jetzt auf die Rolle des öffentlichen Diskurses gehen und vielleicht auch die Rolle der Wissenschaft hierbei: Du gibst Interviews zu den aktuellen Belastungen bzw. Gefahren für Kinder und Jugendliche in der Pandemie und hast beispielsweise auch einen frühen Appell im März 2020 von Wissenschaftler_innen für mehr Kinderschutz in der Pandemie unterzeichnet. Welche Reaktionen bekommen Wissenschaftler_innen darauf und hast du den Eindruck als Wissenschaftlerin ebenfalls in diesem Fall Einfluss auf die Politik nehmen zu können? Oder ist die Politik hier eher zögerlich?

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00:24:32: H: Also erstmal zu dem Apell: Es ist ja schonmal bezeichnend, dass unter Wissenschaftler_innen, das sehr kritisch beäugt wurde. Also es gab einen ganz kritischen Diskurs darüber, ob das jetzt in Ordnung war, was durch die Urs Hitttelmann und die Frau Beckmann da auf den Weg gebracht wurde. Also das fand ich schon mal eben, ich habe es erstaunt beobachtet, was da in der Szene, sage ich jetzt mal, diskutiert wurde. Und jetzt in meinem ganz konkreten Fall: Tatsächlich bin ich von Politik angesprochen worden und habe jetzt auch schon mehrere Kontakte zu Kinderschutzkommissionen im Landtag NRW gehabt, bin auch am Donnerstag beim Landschaftstalk dabei. Auch wieder genau zu dieser Frage Kinderschutz. Also mein Eindruck ist schon, dass - ich weiß jetzt nicht alle Parteien - aber da doch auch Offenheit ist und man auch mit wissenschaftlicher Expertise die Fragen angehen möchte. Also so den Bereich indem ich mich jetzt auskenne, wo es auch wirklich um Kinder, zum Teil auch sehr junge Kinder geht, wirklich auch noch mal die Frage: Was können wir tun, um in Erfahrung zu bringen, wie eingentlich deren Situation momentan ist. Also da bin ich jetzt am Freitag noch mal drauf angesprochen worden, also von daher: Das, was ich erlebe, ist schon Interesse und Offenheit und auch der Wunsch danach, wie ich in den Austausch zu kommen, um gute politische Schritte auch einschlagen zu können.

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00:25:41: J: Welche Verbesserungen würdest du dir wünschen, jetzt gerade auch im Nachgang einer solchen Diskussion, für die nähere Zukunft, aber auch mittelfristig oder vielleicht gar langfristig? Was könntest du dir da vorstellen?

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00:25:56: H: Na ja, also ich meine, wenn wir jetzt konkrete gucken auf die Szene der Jugendämter: Also wir müssen ja immer sehr aufpassen, dass wir nicht so ein Jugendamtbashing betreiben, so von wegen: "Bäre Lüdge, Bergisch Gladbach, Münster - hach du liebe Zeit.´Wer ist denn Schuld? Bestimmt das Jugendamt. Warum haben die denn nicht aufgepasst?" Also da müssen wir sehr differenziert hingucken, wer hat eigentlich die Verantwortung? Und wir sind, wenn wir das mal denken, also in so einem kommunalen Kontext, wir alle sind Mitglieder der Verantwortungsgemeinschaft, es ist da keine Institution, die alleine zuständig ist, das Wohl der Kinder zu sichern.Klar, das Jugendamt hat das staatliche Wächteram und hat die Gesamtverantwortung, aber das wäre mir total wichtig, diese Diskussion noch mal sehr in den Fokus zu rücken, wer eigentlich welchen Anteil daran hat. Und da ist jede Institution, jede Kommune, da ist von der KiTa, Tagespflegepersonen, frühe Hilfen, Polizei, Justiz, Schule, Kinderärzte und so weiter, das ist alles ein ganz großer Kreis, der da rund ums Jugendamt ist, wenn man sich das mal anschaut. Und das finde ich wirklich wichtig, dass man das auch jetzt in der Gesamtdiskussion, also wenn man darüber nachdenkt: Wir werden diese Pandemie, also wir werden diesen Virus ja nicht mehr los werden und es kann immer wieder dazu kommen, offenbar durch mutierte Viren, dass wir neue Situation haben, wo Betreeung und Bildung nicht in größeren Gruppen stattfinden kann. Und da denke ich, ist es ganz wichtig, dass man da gemeinsam zu Wegen findet oder auch Konzepte entwickelt, wie zukünftig auch in solchen kritischen Situationen wieder wer mit wem eigentlich agieren kann. Also, dass da nicht jeder vereinzelt irgendwie denkt: "Okay, jetzt muss ich mir meine Videokonferenzsoftware anschaffen, dann klappt das vielleicht auch besser mit dem Hilfeplanverfahren", sondern wirklich Gesamtkonzepte entwickelt werden, wie man wirklich in solchen Situationen da auch noch den Kinder-und Jugendschutz wirklich  gut im Auge behalten kann.

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00:27:27: M: Als letzte Frag: Gibt es ein solches Konzept oder erarbeitest du solche Konzepte auch schon gemeinsam?

00:27:38: H: Nee, es gibt sowas eben noch nicht. Aber uns wird ja deutlich, jetzt z.B. auch in dem Projekt, wo es um die Kinderschutzfachkräfte geht. Also es ist ja interessant, dass wir nichts über die wissen, die gibt es seit 2005, aber bislang hat man sich nicht besonders dafür interessiert. Sind die jetzt eigentlich zentrale Akteure? Sie sind 2005 als superzentrale Akteure auch ins Rennen geschickt worden, allerdings ohne eine richtige Finanzierung und mit dem Aufdruck "Hier Kommune, mach mal selber. Wirst du schon wissen, was du mit denen machst." Also ich finde es wichtig, dass wir auch solche Reflektionsschleifen an der Stelle einziehen. Es werden neue Verfahren entwickelt, es werden neue Akteure installiert. Wir müssen uns dafür interessieren, wie wirken die eigentlich. Aber jetzt nicht nur in Richtung Jugendamt gesprochen, sondern das betrifft ja auch nach dem Bundeskinderschutzgesetz halt Schule, Gesundheitswesen, Jugendhilfe. Die müssen sich alle dafür interessieren, wie z.B. jetzt diese neuen Akteure bzw. diese neue Figur, wie man da den Kinderschutz qualifizieren könnte oder eben auch nicht.

00:27:45:

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00:28:24: J: Ja, liebe Heike: Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, wir sind

00:28:34: leider fast am Ende unserer s_innzeit angekommen, obwohl ich jetzt im Kopf noch bestimmt zwei, drei, vier, fünf, sechs Nachfragen habe, die mich noch brennend interessieren würden.

00:28:43: Aber leider müssen wir jetzt langsam zu einem Ende kommen und deswegen würde ich dich noch mal, wie wir auch alle anderen Gäste schon befragt haben in unserem Podcast, mit welchem Mensch sollten sich unsere Hörer_innen mal etwas näher beschäftigen? Mit wem sollten sie etwas Zeit verbringen?

00:28:44:

00:28:54:

00:29:00: H: Also das bringe ich jetzt auch wieder raus aus meinem eigenen Interessengebiet und ich habe eine Professorin kennengelernt, damals an der Gesamthochschule Wuppertal, wo ich studiert habe. Doris Bühler-Niederberger ist eine Schweizer Professorin und die ist bei uns angetreten damals an der Bergischen Universität und hat uns das Thema Kindheitssoziologie nahe gebracht. Und sich mit der Frau zu beschäftigen kann ich wirklich h nur jedem empfehlen, weil die wirklich auch noch mal im Blick auf Kindheiten, also auch in der Ungleichheitsperspektive noch mal sich in Forschung, aber auch in Transfer, so intensiv für eingesetzt hat, dass deutlich wird: Es geht nicht darum irgendwie immer nur in Familienpolitiken zu denken, sondern wenn man wirklich Interesse hat, die Kinderrechte zu stärken, dann muss man auch in Richtung Kinderpolitik denken und sich wirklich ich dafür interessieren: Was macht wirklich eine gute Kindheit aus und wie können wir das wirklich für alle Kinder auch so erreichen? Also mein Geheimtipp ist Professorin Doris Bühler-Niederberger. Es lohnt sich wirklich die Schriften in die Hand zu nehmen und sich mit der Frau weiter und näher zu beschäftigen.

00:29:25:

00:29:52:

00:29:57:  M: Vielen lieben Dank, Heike. Auch vielen Dank für dieses wichtige Thema und

00:30:02: ja auch deine facettenreichen Einblicke in deine Forschung. Und ja, ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und ich hoffe auch, dass die Politik dann noch mehr

00:30:11: Wissenschaft miteinbezieht in politische Entscheidungen. Das wäre auf jeden Fall, denke ich gerade im Hinsicht dieses Themas, auch eine gute Sache

00:30:18: Jens hat esschon erwähnt: Das war's schon wieder mit unserer s_innzeit. Folgt uns auf Instagram unter transfernetzwerk. s_inn.

00:30:26: In der Podcastbeschreibung findet ihr alle Informationen auch zu FOKI, wenn ihr etwas nachlesen wollt. Lasst uns generell ein Like da und abonniert uns und nutzt eure Zeit s_innvoll. Tschüss!

00:30:38: J: Tschüss!

00:30:39: H: Tschüss!

Über diesen Podcast

Soziale Ungerechtigkeit, spannende Konzepte aus der Wissenschaft und innovative Lösungsansätze für soziale Herausforderungen – all das behandelt s_innzeit, der Wissenschaftspodcast von s_inn!

https://www.s-inn.net
sinnzeit@katho-nrw.de

von und mit Marina-Rafaela Buch, Jens Koller, Sinem Malgac, Stephan Post, Ariadne Sondermann, Lisa Koopmann

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